Ich muss auch was sagen

Oh oh, jetzt wirds politisch. Ich kann nicht nur Musik. Es wurde im Netz sicher schon oft und verschiedenst darüber geredet, doch ich möchte nun auch meine Gedanken dazu posten.

Die größte Sache letzte Woche, durch den Ausruf Günther Grass’ als „persona non grata“ (unerwünschte Person) auf den Höhepunkt getrieben. Was war passiert? Der Nobelpreisträger veröffentlichte ein Gedicht, welches Israel kritisch hinsichtlich der Iranpolitik beäugt. Daraufhin wurden sofort Rufe laut, dass es sich um ein antisemitisches Gedicht handle. „Was gesagt werden muss“ ist meiner Meinung nach jedoch so nicht einzuordnen. Einige Passagen sind vielleicht dahingehend ungeschickt geschrieben, doch der Kern des Gedichts ist doch die Aussage, dass die Situation zwischen den beiden Ländern gespannt ist und Israel sicher nicht zum Frieden beiträgt, indem es mit den Waffen rasselt. Klar ist der Iran mitsamt seines geheimen Atomprogramms uns allen ein Rätsel, doch Spekulationen nützen nichts. Es ist jedoch schwierig, Nachforschungen anzustellen, wenn es sich als so schwierig herausstellt, Kontrolleure oder dergleich dorthin zu schicken. Die gesamte Welt will wissen, was im Iran vorgeht. Ich finde aber, dass militärische Sanktionen schlicht falsch sind. Logisch, die Gefahr ist da, sie wird aber nicht kleiner wenn man mit Krieg droht. Wer würde sich da nicht doof fühlen? Israel macht bei dem Druckaufbau gern mit. Wer dafür sorgt? Die Deutsche Regierung mit Waffenlieferungen.

Jedenfalls macht eine Strophe des Gedichts in meinen Augen klar, was das Problem in Deutschland ist; wieso Grass als Antisemit bezeichnet wird:

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Ich sage es gerade heraus: Wir werden auf ewig das „Tätervolk“ bleiben. Ich mag den Begriff nicht, doch wird er immernoch benutzt. Es sagt viel über ein Land aus, wenn es vergangene Taten einer verstorbener Generation (bis auf vielleicht einige noch lebende Menschen in Altersheimen oder in Argentinien) immernoch vorgehalten bekommt, bzw. sich selbst irgendwie darauf beruft. Kaum fällt irgendwo ein Wort, welches sich auch nur entfernt auf „Israel“ oder „Jude“ reimt, schon stehen Menschen parat, die einen dafür zum Rechenschaft ablegen bringen, im Falle von Politikern zum Rücktritt bringen. Oft ist die Anschuldigung gerecht: Es gibt viele dumme ungeschickte Aussagen, die sich nicht gehören. Doch vor Pauschalisierungen, wie im Fall von Günther Grass, ist man nicht sicher.

Was im zweiten Weltkrieg passiert ist, ist zu verachten. Generell ist Krieg sicherlich das abscheulichste, was es gibt. „Sicherlich“, weil ich es nur in den Medien mitbekomme und in der glücklichen Lage bin, so was nicht erlebt zu haben. Menschen morden, Städte zerstören und andere Greuel sind einfach nicht haltbar, egal wer sie verübt. Die Deutschen waren damals bei den genannten Sachen sicher ganz vorn mit dabei, doch was habe ich, 1986 geboren noch damit zu tun, dass ich mich fast schon schuldig fühlen muss, für das, was damals passiert ist?

Der zweite Weltkrieg sollte immer Thema bleiben, Kriegsverbrechen nicht vergessen werden, doch ich möchte mich nicht in der Welt dafür entschuldigen müssen. Wie die oben zitierte Passage zeigt, passiert es aber auch über 60 Jahre danach noch, dass man als Deutscher sich für seine Herkunft zur Rede gestellt wird. Man wird regelrecht, sofern es heikel wird, immer darauf reduziert was sich in sagen wir 20 Jahren in Europa abgespielt hat. Daher kommt es auch schnell dazu, dass man, wenn man sich kritisch mit Israel oder dessen Politik auseinandersetzt, schnell als Nazi oder Antisemit bezeichnet wird.

Für Günther Grass kommt „erschwerend“ hinzu, dass er SS-Soldat war. Doch überlegt mal, was die NSDAP mit politischen Gegnern trieb, bzw. wie Verweigerer behandelt wurden. Hättet ihr gesagt „Nö, ich will nicht in die SS“ oder „Ich finde eure Politik und Gesinnung schlecht“? Ich finde, es war fast schon eine Heldentat, da widerstehen zu können oder sich in einer Widerstandsorganisation einzufinden. Demnach war es sicher oft nicht ein überzeugtes Handeln, was die jungen Männer in die Armee trieb, sondern die Angst, verhaftet oder getötet zu werden, wenn man sich streubt. So ging es in anderen Bereichen sicher auch zu.

Mit solch einer Vergangenheit war es leicht, Grass gleich in die Schublade zu stecken. Doch wenn man ihn für sein Gedicht als Antisemit bezeichnet, macht man sich selbst zum Narren. Es ist ein politisches Statement, ja. Hätte sich ein Engländer, Inder oder Kolumbianer dazu geäußert, wäre der Aufschrei nicht annähernd so groß gewesen. Doch Grass ist Deutscher und damit gleich Antisemit. Ich finde es falsch, so zu handeln. Deutschland ist nicht mehr das, was es damals war. Ich finde, dass wir nicht büßen müssen, in welcher Form auch immer. Neonazis werden oft als „Ewiggestrige“ bezeichnet, doch wer lebt denn auch im Gestern und Vorgestern, wenn er gleich alles auf eine, zugegeben schreckliche, Zeit in der Geschichte Deutschlands bezieht?

Ich fühle mich so, als ob ich alles, aber auch nichts zu dem Thema gesagt habe, was ich wollte. Ich möchte wiederholen, dass ich es nicht korrekt finde, dem Gedicht eine antisemitische Motivation zuzuschreiben. Vielmehr drückt es, aus Sicht des Beobachters, die schwierige und angespannte zweier Nationen aus und wie damit der Frieden, sei es abstrakt oder nicht, gefährdet.

Außerdem möchte ich mit einem Gedicht abschließen:

Es ist ein unbequemes Thema. richtige Worte zu finden fällt mir schwer,

viel zu schnell wird man verurteilt für das, was man sagt.

Vergessen darf man nicht, doch verurteilen, die Generation,

die nun hier lebt, für das was war, ist auch nicht gut.

Rob, 12.04.12

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