Posthumes

Nach dem Tod weiter Musik machen. Klingt komisch, ist aber gang und gäbe. Viele Künstler leben so in unserem Gedächtnis weiter. Die Verlage veröffentlichen fleißig Material, welches der Künstler zu Lebzeiten irgendwo aufgenommen hat. Die Liste der Künstler, die so weiter im Radio laufen, obwohl sie nicht mehr unter uns weilen, ist lang. Michael Jackson, Falco, Amy Winehouse, Queen, Notorious B.I.G. oder 2 Pac sind nur einige der langen Liste. Aktuell soll ja Drake an einem posthumen Album für die R’n’B-Künstlerin Aaliyah.

Zuerst finde ich die Sache wunderbar, denn Musik, die man mochte, bleibt so erhalten. Man kann bevorzugten Interpreten lauschen und weiter ihren Texten zuhören, schöne Melodien genießen oder sich einfach nur aus Respekt ein Album ins Regal stellen. Oft erscheinen solche posthumen Alben äußerst geschickt relativ früh nach dem Tod der Künstler: die Verkaufscharts werden geentert, alte Hits feiern den Wiedereinstieg in die Top 100. Je größer der Erfolg zu Lebzeiten, desto größer auch das Echo, welches auf solche Alben folgt. Andere Künstler werden erst durch ihren Tod richtig berühmt. Viele Künstler bleiben aber auch einfach gleich erfolgreich, als ob sie noch am Leben wären.

Manche Alben erschienen im Grunde direkt nach dem Tod. Nicht aber gleich aus Geldgier und Effekthascherei. Vielmehr arbeiteten die Künstler gerade vor ihrem Tod am neuen Album. Auch deshalb waren Life After Death von Notorious B.I.G. und Out Of The Dark von Falco so erfolgreiche Langspielplatten.

Was mich am meisten beeindruckt ist, dass die Künstler zu Lebzeiten oftmals 24 Stunden am Tag im Studio waren und Musik aufnahmen, oder zumindest Texte eingesungen haben. Logischerweise sind auf den posthumen Alben zumeist Remixe, alte Live-Auftritte, sowie eine Menge unveröffentlicher Titel zu finden. Klar, die Musik ist der Beruf dieser Menschen, doch eine solche Ansammlung von Titeln, die nicht den Weg auf Platte, CD oder MC fanden, ist enorm. Es ist sicherlich keine Seltenheit, dass im Prozess einer Albumproduktion der Künstler vor der Wahl steht, welche der 40 Titel, die er aufgenommen hat, veröffentlicht werden sollen. Früher, so anfangs der 200oer Jahre, hatten Alben zwischen 15 und 20 Anspielstationen. Heute schimpfen sich manchmal sogar Platten mit 10 Titeln Alben. Ich muss sagen, dass auch ein Album mit 10 Titeln ein richtiges Album sein kann, doch dann sollte man es schon EP nennen. Gut, wenn diese 10 Titel eine Länge von 6-8 Minuten haben, ist klar, dass trotzdem nur 80 davon auf eine CD passen. Ich kenne diese Situation von Metallica. Es gibt viele andere Bands, vor allem Rockmusiker, die solche Alben veröffentlichen. Es ist keinesfalls als Abwertung zu verstehen. Die Thematik von Verhältnis der Albumlänge zum Preis und zum Unterhaltungswert könnte einen eigenen Blogpost füllen.

Von den 40 Titeln bleiben also ca. 20 übrig. Diese kann er später für andere Alben verwenden, oder sogar irgendwie an andere Künstler weiterverkaufen. Rapper haben es da leichter, sie können B-Ware gut und gerne auf ein Mixtape packen und es für lau der Menge preisgeben. Solche Entwicklungen gibt es aber auch erst seit den 2000ern vermehrt, da das Internet bei der Vermarktung da sehr hilfreich war. Den Künstlern früher blieb also nur die Chance zu warten, bis die Zeit reif für ein neues Album war, oder sie wollten es auch nicht veröffentlichen.

Im Todesfall bleibt also oft viel Material, was die Plattenfirmen von ihren Künstlern zur Verfügung haben. Was also tun? Logisch, veröffentlichen. Es bringt Geld und hält ebenfalls den Geist der Musik des Verstorbenen am Leben. Gut, einen faden Beigeschmack hat die Sache schon und zwar in Form von Tassen, Bildern und anderem recht nutzlosem Zeug, das an den Fan gebracht wird. Doch Alben sind eine feine Sache. Früher konnte ich im Fall von 2Pac nicht richtig glauben, dass er wirklich all das Material vor seinem Tod aufgenommen hat, denn er war ja gerade mal 25 Jahre alt. Ich glaubte damit auch irgendwie vielen Verschwörungstheoretikern, die glaubten, dass 2Pac noch am Leben war. Nun finde ich posthume Alben als Zeichen des Respekts gegenüber dem Künstler. So kann man sich für die Abspieldauer vorstellen, dass die Künstler noch am Leben wären.

Wer sollte solche Alben produzieren, wenn die Stücke nicht vorher schon komplett fertig waren? Sollen die „Hausproduzenten“ der jeweiligen Künstler federführend sein? Sollen verschiedene Produzenten den Sound der Zeit hinzufügen? Final Chapter von Notorious B.I.G. war so ein Beispiel. Die “It-Rapper” der Zeit und verschiedene Produzenten kamen auf dem Album zusammen, um ihren Respekt zu zollen. Es klang gut, aber zum Teil auch irgendwie ideenlos. Einiges an Material war einfach nicht nachvollziehbar. Ultimate Rush mit Missy Elliott war an sich schick, doch passt einfach nicht zu Biggie. Daneben waren auch It Has Been Said, Wake Up und Mi Casa nicht unbedingt Perlen. Watchu Want, 1970 Something oder Living In Pain dagegen kamen eindrucksvoll daher.

Ich finde, dass es allgemein passen sollte und im Geist dem Anspruch des Künstlers gerecht werden. Aktuell gibt es diese Diskussionen beim geplanten Album von Aaliyah. Zu Lebzeiten war die Kombination aus ihr und dem Sound von Timbaland einzigartig und etwas besonderes. Nun hat aber Drake die Zügel in die Hand genommen und möchte als Executive Producer über das Album wachen. Eine erste Kostprobe kam in Form der Single Enough Said. Drake und sein quasi-Seelenverwandter Noah Shebib drückten dem Titel ihren Stempel auf. Generell ja ein schöner, stimmungsvoller Sound, doch bei Aaliyah, die maßgeschneiderte Beats von Timbaland bekam? Gewöhnungsbedürftig. Fraglich ist jedoch auch, ob Timbaland nach den jüngsten Entwicklungen überhaupt in der Lage wäre, die Klasse der damaligen Beats zu erreichen, zumindest aber in die Nähe zu kommen. Was wäre wohl am besten?

2011 starb der R’n’B- und G-Funk-Künstler Nate Dogg. Ich war großer Fan seiner Musik. Zusammen mit Snoop Dogg und Warren G bildete er die Formation 213. Das Album The Hard Way ist ein sehr, sehr wunderbares Album. Mittlerweile auch ein Stück Musikgeschichte, da es die drei Jugendfreunde auf einem Album vereint. Nate Dogg war ein einzigartiger Künstler, dessen Musik unsterblich ist. Ob da noch unveröffentlichtes Material herumschwirrt? Von ihm würde ich mir jedenfalls auch ein posthumes Album wünschen.

Wie seht ihr die Sache mit den posthumen Alben? Unterstützt ihr das oder lehnt ihr das eher ab?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s