Brutaler Frühherbst

Ich schaue aus dem Fenster, schaue auf das Thermometer. Regen, Wind und nur 14 Grad. Eher Herbst als Sommer. Das hält Kanye und seine Freunde aber nicht auf, uns Cruel Summer in den Gehörgang zu drücken.

Mit Through The Wire, ich möchte es mal als eines meiner Lieblingslieder von ihm nennen, fing alles an. Ab da ging nichts mehr ohne Kanye West. Ich mag ihn total. Einer der größten, wenn es nach mir geht. Mit der Zeit mauserte er sich vom freakigen Beatbastler mit Skills am Mikrofon zu einem weltweiten und omnipotenten Phänomen. College Dropout, Late Registration, Graduation, 808s & Heartbreak, My Beautiful Dark Twisted Fantasy und Watch The Throne. Jedes dieser Alben spielt in der Champions League. Kanye setzte Maßstäbe, brach alte Traditionen, haute auf die Kacke und sitzt jetzt auf dem Thron. Cruel Summer möchte sich da gern einreihen, doch ich muss schon jetzt sagen, dass es das nur sehr bedingt schafft. Im Vergleich zu den bisherigen Werken fehlt es hier am letzten Stück “Wasauchimmer”. Manch anderer Rapper wäre froh, wenn er eine solche Platte veröffentlichen könnte, von Kanye bin ich aber anderes gewöhnt. Ich möchte nun nicht sagen, dass es ein schlechtes Album, bzw. eine schlechte Compilation (es ist ja sozusagen das Album des gesamten G.O.O.D. Music Labels) ist, es ist nur ein schlechteres Kanye West Album.

Knapp die Hälfte der 12 Tracks von Cruel Summer war teilweise schon Monate vorher im Netz zu finden, entweder als Single oder Video. Vor Release von My Beautiful Dark Twisted Fantasy zeigten uns die G.O.O.D. Fridays einige Songs, die dann auch den Weg auf das Album fanden. Von 15 Tracks waren das 4 Titel. Zusätzlich waren im Grunde alle 12 Titel des Albums im Kurzfilm Runaway als Ausschnitte zu hören. Das als Minderung der Vorfreude zu bezeichnen, ist schlecht und falsch. Mir macht das nichts aus, solang ich dann immer noch Perlen entdecken kann. Für Cruel Summer blieben mir also 7 Chancen auf den großen Fang. Genug der Vorrede, nun zum Album als solches.

Als erstes brennt mir eine Frage unter den Nägeln: Wieso hat Common nur einen einzigen kurzen Part auf dem Album und 2 Chainz mehrere Auftritte plus Adlibs? Ich hab keine vernünftige Begründung dafür. Außer, dass Common gerade irgendwo in der Antarktis eine Expedition führt. Nun ja, aktuell hat 2 Chainz ja ein recht guten Stand im Geschäft, wird von Jedermann für einen Vers verpflichtet. Vielleicht soll es Gelegenheitsmusiker und Trapper zum Kauf bewegen. Ein nicht ganz nachvollziehbarer Schritt von Kanye. 2 Chainz ist kein schlechter Rapper, doch im Gegensatz zu Common mehr Auftritte auf einem G.O.O.D. Music Album zu bekommen, ist mir dann doch zu hoch. Common ist der bessere Lyricist, wobei 2 Chainz auch sehr witzige, starke Punchlines sein Eigen nennt. Doch ich sehe in nicht als vollwertiges Mitglied der G.O.O.D. Music. Common hätte auf mehr Titeln seine Fähigkeiten zur Schau stellen dürfen sollen. Wo wir gerade so bei Feature-Gästen sind, kann ich einige andere ja schon mal erwähnen. Viele Titel des Albums haben auch mehr als 3 Interpreten. Diese “Superfeatures” gab es ja schon auf MBDTF (ich errinnere mal fix an Monster mit Jay-Z, Rick Ross, Nicky Minaj und Bon Iver), doch hier greift die Taktik nicht ganz so gut. Ganz stark sind die Auftritte von Raekwon und Ghostface Killah. Letzterer sorgt auch für eine Aufwertung des im Vorfeld bekannten Titels New God Flow. Es ist für mich ja eh immer schön, wenn ich als alte “Killa Bee” ein Mitglied des Clans auf einem Track hören darf. Auf Higher kommt Ma$e dann wieder zum Vorschein. Kennt von euch sicher nur ein kleiner Teil, denn er war in den 90ern mal recht “heiß”. Auf die Verse von CyHi The Prynce hätte ich verzichten können. Da ich gerade beim Thema Verzicht bin, möchte ich gleich den Beitrag von DJ Khaled zu Theraflu Too Damn Cold Cold in Frage stellen. “DJ Khaled” und “Kanye West” sind die einzigen Wörter, die er zum Besten gibt. Dafür wird er als Featuregast geadelt. Hätte mich Kanye gefragt, hätte ich das auch machen können. Total überflüssig. Soundso ist Cold durch den “Part” von DJ Pharris am Ende auch nicht aufgewertet worden, auch wenn er in Chicago eine lokale Größe ist. Sowas kann man auf einem Mixtape bringen. Über den Part von R. Kelly bin ich mir noch immer nicht im Klaren. Ist er genial oder einfach nur da? Big Sean und Pusha T gefallen mir dagegen ohne Zweifel. Wähend auf MBDF Charlie Wilson auf vielen Tracks Cameoauftritte feierte, scheint James Fauntleroy der neue Liebling zu sein. Zu Recht! Auch auf anderen Werken, wie z.B. Detroit von Big Sean, hört man die Stimme des Sängers von den Cocaine 80s. Die Beiträge von ihm passen auf Cruel Summer auch gut und klingen genauso. Merkt euch diesen Namen.

Was generell genauso gut klingt sind die Beats. Es ist jetzt kein richtiger Kracher dabei, der alles in den Schatten stellt, doch einmal mehr beweist Hit-Boy, dass er noch lange relevant sein wird. Higher, Cold und Clique sind halt schon derbe gut. Musikalisch ist jetzt nicht auf Anhieb ein Titel, der sich in den Gehörgang brennt. Es fehlt am letzten Quäntchen Wahnsinn, Innovation oder wie ich es weiter oben nannte, das “Wasauchimmer”. Im Club oder live (wie z. B. beim Watch The Throne Konzert) entfalten die Titel sicher eine extra Portion Feuer, doch das ist meiner Meinung nach ein anderer Schuh. Meine Persönlichen Highlights sind Higher, The One, New God Flow, Clique und Sin City. Diese Tracks entfalten am meisten Repeat-Potential. Einen richtigen Tiefpunkt gibt es generell nicht, bis vielleicht auf den Remix von Don’t Like. Nur noch eine Frage: Wo ist das Mos Def Feature? Mehr oder weniger angekündigt wurde es ja. Zumindest subtil. Schade.

Cruel Summer macht Spaß, hat aber seine kleineren Macken. Jedoch ist es immer noch besser als der Großteil der ganzen Durchschnittsalben des Jahres. Schade ist, dass nur 12 Titel auf dem Album sind, denn immer wenn Kanye an etwas beteiligt ist, entfaltet es automatisch eine Faszination bei mir. Wie gesagt, es ist Meckern auf hohem Niveau. Ich bin großer Kanye West Fan, kann ihm so ein “schlechtes” Album verzeihen. Zuletzt möchte ich aber noch anbringen, dass es im Vergleich zur anderen großen Compilation eines Labels, nämlich Self Made Vol. 2 der Maybach Music Group, die bessere ist. Ein reiner Vergleich zu den Soloalben von Kanye West wäre unfair, da diese Meilensteine sind. Ich warte also auf das nächste Soloalbum und/oder Watch The Throne 2, denn das aktuelle Album ist eher brutaler Frühherbst, statt ein grausamer Sommer.

Von mir gibt es 3,75 von 5 Punkten. Die Kurzreview gibt es in der Hörbar.

PS: Wer mir sagen kann, wieso hier so viele Referenzen an Ric Flair zu hören sind, bekommt ein Eis.

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