Dear Mr. President – Ein Gastbeitrag von @Silvano_D

In meinem ersten Gastpost schrieb ich über die Gründe, warum wir eigentlich generell Musik hören. Ich betrachtete also sozusagen das ganze Land “Musik” aus der Vogelperspektive und zoomte verschiedene Städte wie “Rap” und “Rock” an. Heute beschäftige ich mich dagegen mit einer ganz spezifischen Wohnung eines ganz speziellen Hauses in einer ganz besonderen Straße einer ganz eigenen Stadt – P!nks Dear Mr. President. Es gibt nur wenige Dinge, die in mir ausreichende Emotionen hervorrufen, um mich dazu zu bringen, ein paar Tränen zu vergießen. Es gibt annähernd nichts, das mich dazu verleitet bitterlich zu weinen. Dear Mr. President habe ich wahrscheinlich irgendwann einmal im Radio gehört, und mir nicht allzu viel dabei gedacht. Ich war zehn, ich hatte keine Ahnung von Politik oder Musik oder Künstlern; aber ich mochte das Lied… “irgendwie”. Zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekam ich von meiner Mutter die Single (ja, das gab es 2006 noch). Oft gehört habe ich sie damals nicht; sie verschwand im Schrank und wurde ein wenig vergessen.

Im März 2010 musste ich aus verschiedenen Gründen meine iTunes Mediathek wiederherstellen – und digitalisierte (fast* alle meine CD’s. Seither habe ich Dear Mr. President exakt elfmal gehört – und habe elfmal bitterlich geweint. Wirklich erklären, warum dem so ist, kann ich eigentlich nicht.

Ich erinnere mich sehr gut an den elften September 2001. Ich war fünf, flog am nächsten Tag nach Italien in den Urlaub und habe eine Mutter mit Flugangst; da war gute Laune vorprogrammiert. Ich weiß noch ganz genau, wie ich damals zum ersten Mal die bewegten Bilder gesehen habe, im Wohnzimmer meiner Tante in Italien, wie das erste Flugzeug ins World Trade Center flog. Der Rauch. Die Flammen. Und dann der zweite Flieger. Es war für mich fern, unrealistisch, beinahe bedeutungslos, obwohl ich wusste, dass etwas Schlimmes geschehen war.

Im Herbst 2010 war ich in New York City und habe die Baustelle gesehen. Es grenzt an ein Ding der Unmöglichkeit, sich vorzustellen, dass die umliegenden Straßen einmal wochenlang von Geröll überhäuft gewesen sein sollen. Aber ich wusste mehr über Musik, Politik und Künstler. Und es muss um diese Zeit gewesen sein, dass ich Dear Mr. President zum ersten Mal bewusst wahrnahm, dass ich hinhörte. Heute kommt es mir vor, als hätte ich den Text schon immer im Kopf gehabt. Jede Zeile. Jedes Wort. Ihr habt gar keine Ahnung, wie ernst ich das meine.

Ich habe es gerade zum zwölften Mal gehört. Zum zweiten Mal in der Live Version vom iTunes Festival 2012.

Schon beim ersten Akkord kommen mir die Tränen. Und es ist so ironisch, wenn sie singt “How do you sleep while the rest of cries?” während ich schon herzzerreißend weine, und sie sich merklich ein Lächeln auf die Lippen zwingt, beinahe als wolle sie mich aufmuntern. “And what kind of father might hate his own daughter if she were gay?” Und das Publikum schreit, und zu den Tränen stellt sich jedes Haar meines Körpers auf und weint in einer durch Mark und Bein gehenden Gänsehaut mit.

Die Bridge ist der Höhe- oder genauer gesagt der Tiefpunkt. “Let me tell you about hard work, hard work, hard work, you don’t know nothing ’bout hard work, hard work, hard work.” Es schüttelt mich, als ob ich noch viel mehr, noch viel härter weinen müsste, das aber physisch nicht zu realisieren ist, und mein Körper es anders zu kompensieren versucht. Ich stelle mir vor, was wäre, wenn ich sie dieses Lied tatsächlich einmal live singen hören sollte. Ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich tatsächlich beim iTunes Festival gewesen wäre, anstatt live vorm Mac, darüber twitternd:

Was sie wohl sagen würde, wenn sie mein von Tränen überströmtes Gesicht sähe, das sonst permanent von einem Lächeln geziert ist. Ich frage mich, ob ich alleine darin bin, so heftige Emotionen zu einem einfachen Lied zu spüren. Jedes Jahr am elften September spiele ich Dear Mr. President und erinnere mich. Und ab und zu, wenn ich das Gefühl habe, weinen zu müssen, wenn ich mich nach Tränen sehne, dann drehe ich das am wenigsten gespielte 5-Sterne Stück meiner iTunes Bibliothek auf, und lasse all meinen Emotionen freien Lauf. Es gibt nicht viele Stimmen, die ich als besonders, schön und emotional empfinde. P!nks gehört aber ohne Frage dazu. Und auch dazu kann Musik da sein: Um einem vor Augen zu führen, was in der Welt tatsächlich wichtig ist, und zu welchen Emotionen man ohne persönlichen Bezug eigentlich in der Lage ist.

*Tokio Hotel

Danke für diesen persönlichen Post. Und nein, du bist nicht allein, denn ich kenne auch dieses Gefühl der heftigen Emotionen beim Hören von Musik. Man muss sich eher fragen, wem das nicht so geht. Musik muss gefühlt werden.

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