Guter Junge, böse Stadt

Hört sich an wie eine Geschichte nach dem Motto “guter Cop, böser Cop”, ist aber die Review zum aktuellen und gleichzeitig dem (Mayor-)Debütalbum von Kendrick Lamar namens good kid, m.A.A.d city.

Schon der erste Track Sherane a.k.a Master Sprlinter’s Daughter bündelt all das, was Kendrick ausmacht. Die Art Geschichten zu erzählen, so dass diese klingen, als ob er sie uns direkt schildert, die Art, wie er die Worte vorträgt. Kendrick lernt Sherane auf einer Party kennen, ist von ihr fasziniert und sie bleiben in Kontakt. Er ist so besessen von ihr, ist so scharf auf sie, dass er die Zeichen, die Richtung Ärger deuten, nicht versteht. Ihr Cousin Demetrius ist scheinbar ein richtig harter Hund. Aber so ist es halt. Man ist jung und möchte halt gern sexuelle Erfahrungen sammeln, da blendet man einiges aus. Letztlich schafft er es sie zu einem Date zu überreden und fährt zu ihr. Seine Gedanken schwirren schon um den Sex mit ihr und was er so alles mit ihr anstellt. Kurz vor ihrem Haus winkt sie ihm zu und Kendrick bemerkt zwei Jungs in schwarzen Hoodies. Das kann nur Ärger bedeuten. Und dann klingelt das Telefon. Mama Kendrick bekommt aber nur die Mailbox dran und beschwert sich, dass er sich ja nur für 15 Minuten das Auto ausleihen wollte. Sie warnt ihn deutlich, dass er sich nicht mit “Hoodrats” befreunden soll, denn das gibt nur Ärger. Schließlich will Kendricks Vater seine Dominosteine haben, aber das ist erstmal nicht wichtig. Ich will lieber wissen, wie es weiter geht. Was ist passiert? Wie war der Abend mit Sherane? Um euch nicht warten zu lassen, verrate ich euch das Ende der Geschichte, zumindest ein bisschen. Am Ende des Tracks Swimming Pools (Drank) folgt ein weiteres Skit, welches nach dem Outro vom ersten Track angesiedelt ist. Kendrick wurde von den zwei Gestalten vor Sherane’s Haus angegriffen. Seine Mutter hatte ihn ja gewarnt. Nun beschließen Kendrick und seine Jungs sich zu rächen. Mehr sage ich erstmal nicht, hört es euch am besten selbst an.

Ich könnte im Grunde jeden Track so durchgehen, doch das würde schon generell zu lange dauern, dann ist es wohl doch zu anstrengend hinter jedem Track die Geschichte zu filtern. Ich versuche es dennoch irgendwie. Jeder Track erzählt eine Geschichte. Jede Geschichte hat ihren Reiz, man wird wirklich in die Situation hineingezogen. Das macht das Album aus, das ist alles so unfassbar authentisch.

Bitch Don’t Kill My Vibe stellt Kendrick als Musiker dar. Er reflektiert seine Karriere und bittet uns, ihn nicht zu stressen. Unklar ist, ob er seine Rede nur an uns oder an die gesamte Industrie richtet. Ist aber auch egal, denn ich glaube ihm das. Das liegt wieder an seiner Erzählweise und dem passenden Vibe dieses Beats. Ich will lieber mit ihm mitschwingen, als ihn zu stressen. Der Track endet wieder mit einem Skit. Seine Freunde bitten ihn zu sich ins Auto, da sie ein paar Beats dabei haben. Was sie wohl damit machen? Na klar, einen Backseat Freestyle. Während des Freestlyes wird K. Dot immer wahnsinniger. Ich krieg den Track noch immer nicht ganz, echt imposant, was er so kann. Er killt halt alles. Auch diesen Hit-Boy-Beat.

The Art Of Peer Pressure macht klar, das Kendrick nur trinkt und raucht, wenn er mit seinen Freunden unterwegs ist. Seine Mutter warnt ihn und sagt, dass sich das alles einmal rächen wird. Die Story dieses Tracks reiht sich direkt an die Freestyle-Runde an. Sie rauben ein Haus aus, welches sie schon eine Weile beobachtet haben. Kendrick ist eigentlich ein guter Junge, will aber dazugehören. Die Flucht im Auto vor den Cops steht sinnbildlich für die ziellose Reise der Jungs in dem Auto. Sie werden nicht geschnappt, Glück gehabt. Diese Story siedelt sich dann im Grunde vor der Nacht mit Sherane an, nur nebenbei.

Money Trees rekapituliert das bisher geschehene und Kendrick kommt zum Schluss, dass ein Haufen Geld ein Segen sein kann, wenn man sich vor all den schlechten Dingen in der Welt abschirmen will. Doch er landet wieder auf dem Boden der Tatsachen, spätestens in der zweiten Strophe. Am Ende bringt Jay Rock einen starken Gastvers. Dieser Track wird von Referenzen und Querverbindungen getragen, es ist unfassbar.

Nach dem Raub wird Kendrick zuhaus abgesetzt und spricht mit uns über seine Beziehung zu Sherane, die er dann im Anschluss sehen wird. Es ist im Grunde der sexistischste Song und wird auf einem Sample von Janet Jackson präsentiert. Drake widmet seinen Vers seiner Ex, Nebby (Zineb). Poetic Justice ist im Grunde sowas wie Ironie des Schicksals, so ganz verstehe ich das aber nicht. Am Ende des Songs wird die Story aus Track Nummer 1 fortgesetzt, indem die zwei jungen Kerle Kendrick auf die Pelle rücken. Dabei wird zur das Sample des Tracks benutzt um klar zu machen, wo wir uns befinden.

good kid zeigt einerseits die Gangs, andererseits die Cops, die Kendrick was anhaben können. m.A.A.d. city geht mehrere Schritte weiter und dringt tiefer in die Materie ein. Hier werden wieder Referenzen zu anderen Titeln des Albums deutlich und Kendrick ist wieder mittendrin. MC Eiht ist ein richtiger Gangster, der hier auch den harten Hund raushängen lässt. Ein ebenso beängstigender wie großartiger Track. Übrigens wird hier die Bedeutung von “m.A.A.d.” aufgeschlüsselt. Ich lasse es aber verschlüsselt. Das Skit am Ende des Tracks führt uns wieder in die Geschehnisse um Kendrick ein, nachdem er vermöbelt wurde. Seine Leute versuchen ihn mit Alkohol aufzubauen.

Swimming Pools (Drank) habe ich schon analysiert, das mache ich da nicht nochmal. Ich sage aber gern nochmal, dass der Track klasse ist.

Sing About Me bringt zuerst die Bedenken von Kendrick hervor, was passiert, wenn er sterben sollte. Seine Musik soll ihn weiter leben lassen. Er möchte in Erinnerung bleiben. Vielleicht singen wir Lieder über ihn. Im Lied dann geht es um zwei Erzähler, die mit Kendrick reden bzw. trägt Kendrick ihre Verse selbst vor. Im ersten Vers spricht der Bruder von einem von Kendrick’s Freunden, Vers 2 lässt Keisha’s Schwester zu Wort kommen. Vers 3 gehört Kendrick. Er schildert seine Sicht. Die Tiefe und Komplexität dieses Tracks wird dadurch verstärkt, dass sich im Mittelteil an ein emotionales Zwischenspiel ein weiterer Track namens I’m Dying Of Thirst anschließt. Kendrick hat keinen Bock mehr, seine Kumpels zum Teil auch nicht mehr. Wohin soll es gehen? Im Grunde kann ihn nur noch heiliges Wasser helfen. Wenn sie sich nicht auf den richtigen Weg besinnen, werden sie an der ganzen Gewalt zu Grunde gehen. Das Skit am Ende lässt eine ältere Dame auf die Jungs zugehen und diese Warnung aussprechen und einen Bibelspruch aufsagen. Es ist das gleiche, wie am Anfang des Albums. Der Kreis schließt sich. Der Start eines neuen Lebens, des wahren Lebens.

Das führt nun dazu das Kendrick nun einfach nur Kendrick ist. Kein Gruppenzwang. Er ist Real. Am Ende richten seine Eltern noch ein paar Worte an ihren Sohn. Diese Worte sind so echt, so spürbar. Die Liebe der Eltern eben.

Mit Compton, mit dem einzigartigen Dr. Dre, der ja quasi der Mentor von Kendrick ist, schließt das Album. WESTSIDE! Und ganz am Ende beginnt die ganze Story im Grunde. Kendrick leiht sich das Auto seiner Mutter. Für 15 Minuten. Wer’s glaubt.

Ok, nach so viel Analyse und Erzählungen möchte ich ein Fazit ziehen. Wenn man so hinter all das steigt, was Kendrick auf dem Album präsentiert, muss man zu dem Schluss kommen, dass das eigentlich nur ein Klassiker sein wird, wenn es das nicht schon in diesem Moment ist. Wie kann er das denn noch toppen? Das Album ist in sich perfekt, auch ohne klassische radiotaugliche Hits (bis auf Poetic Justice). Auch wenn die Story für mich auf einem anderen Planeten spielt (Compton nach Sachsen), ist es jede Sekunde greifbar, vor allem durch die vielen Skits. Kendrick ist ein Hauptgrund dafür, dass ich allen Leuten, die sagen, dass Hip Hop tot sei und früher alles besser war, sämtliche CD-Hüllen der Welt um die Ohren schlagen möchte. Vielen Dank an die mir jetzt leider nicht mehr bekannte Seite, die die besten Mixtapes des Jahres 2010 präsentierte, dass sie mich mit Overly Dedicated auf Kendrick Lamar aufmerksam machte.

Ich hau es einfach raus. Volle Punkte. Dieses Album ist der Wahnsinn. 5,0 von 5 möglichen Punkten. In der Hörbar gibt es wie immer die Kurzreview. Macht jetzt folgendes: Hört euch die Albumsnippets an. Es ist nicht alles dabei, aber es reicht für den Einstieg (den ihr eigentlich nicht braucht, da ihr schlau seid und Kendrick eh schon kennt).

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s