Von Göttern und Sündern

Nach meiner ersten Doppelreview folgt nun eine zweite. Nach Nasir und Christopher gibt es nun Material von Jesus und eines Sünders. Ich spreche natürlich von DEN beiden Alben, die am 18.06. das Licht der Plattenwelt erblickten, YEEZUS von Kanye West und Born Sinner von J. Cole. Die beiden Werke könnten sich kaum mehr unterscheiden, aber vielleicht eignen sich sich deshalb für eine gemeinsame Betrachtung.

Seit November 2012 freute man sich auf das zweite Album von J. Cole, welches laut Trailer bereits Ende Januar 2013 erscheinen sollte. Dass solche Ankündigungen mit Vorsicht zu genießen sind ist klar, damit verwundert es auch nicht, dass es letztlich am 25.06. veröffentlicht werden sollte. Nachdem Kanye West am 01.05. einen Tweet mit dem Inhalt “JUNE EIGHTEEN” in die Welt setzte, konnte man sich auch auf neues Material von ihm freuen. Das war auch an der Zeit, denn Cruel Summer war an sich ok, aber einem richtigen erfreulichen Release von Uns Kanye nicht würdig. Fraglich war nur, wie er in knapp anderthalb Monaten ein Album promoten, Singles veröffentlichen oder Interviews geben wollte. Wir hatten ja keine Ahnung.

Kanye verzückte nicht nur die Welt, sondern auch J. Cole fühlte sich angesprochen und verschob die Veröffentlichung eine Woche vor. Konkurrenz belebt das Geschäft, oder? Jedenfalls war das schon allein Promo genug für den jungen Jermaine. War er verrückt? Wollte er die Schmach erleben gegen den weltbekannten Kanye den deutlichen kürzeren zu ziehen? Die Zahlen der Erstwochenverkäufe zeigten jedoch, dass das vielleicht kein so schlechter Zug war. Aber was sind schon Zahlen.

Unzählige weltweite Projektionen des Songs New Slaves, ein Interview mit der NY Times und einen Auftritt bei Saturday Night Live später war es soweit. Eine lediglich mit der CD bestückte und mit einem roten Band und einem Sticker auf der Rückseite verzierte Hülle, landete in meinen Händen. Ich widersetzte mich jeglichen Versuchen das Album im Vorfeld zu hören, deshalb waren die besagten Auftritte und weitere Performances das einzige mir zugängliche Material. Rein theoretisch also völlig unvoreingenommen, bis auf einige Meinungen via Twitter. Ich rekapituliere direkt den Eindruck nach dem ersten Hören: “AlterwaslosKanyeFuckdasistvollderkrasseScheißIchbinerstmalsprachlos”. So oder so ähnlich. Mittlerweile habe ich viele weitere Durchgänge absolviert und finde das Album nun nicht mehr so anstrengend, beziehungsweise auf gewisse Weise nicht mehr überfordernd. Ich finde es eigentlich recht stark. Klar, wenn direkt nach dem Einlegen der scharfe Beat von Onsight einsetzt bleibt erstmal das Herz stehen, doch den Rest des Albums kann man gut hören, solange man sich darauf einlässt. Es ist wie bei alternativen Heilmethoden. Man muss schon dran glauben, damit es wirkt. Ich glaube an Kanye. Ich glaube, dass er mit diesem Album einen mutigen Schritt gewagt hat, den andere kopieren werden. Hier wird einem kein billiger “Euro Dance Rap” angeboten, hier wird Acid, Trance, Techno oder was auch immer mit Hip Hop verbunden. Sogar ein wenig 808s & Heartbreak hat es auf das Album geschafft, zumindest klingt Blood On The Leaves so. Kanye West setzt sogar Trends in dem Sinne, dass er Gott höchstpersönlich featuren kann. Die anderen Gäste werden nicht mal direkt erwähnt, lediglich mit einem “additional vocals by”-Eintrag im virtuellen Booklet belohnt. Dies mindert aber deren Beitrag keineswegs, vor allem Justin Vernon gefällt mir sehr. Frank Ocean auch. Alle bereichern den Sound des Albums. Soundso der Sound. Da wird hier gesamplet, hier geschrien, da mal kurz der Beat gewechselt und anderswo gechopped. Am Anfang klang das nicht wirklich geplant, aber mittlerweile denke ich, dass da wirklich ein Konzept steckt. Wenn auch ein total total verrücktes.

Yeezus ist eines dieser Alben, welches sich entwickelt. Man entdeckt mit jedem Hören mehr Finessen, hört immer mehr Sachen raus, die einen umhauen. Mein Favorit bleibt aber trotzdem mit Abstand New Slaves. Zu hasserfüllt, zu böse, zu hungrig, zu ehrlich, zu genial, zu Omega, zu Frank Ocean. Hold My Liquor, Blood On The Leaves und I’m In It sind ebenso echte Kracher. Die anderen sechs Titel kann man aber auch nicht wirklich als schlecht bezeichnen. Klar, weiterhin ist Voraussetzung, dass man bereit dafür ist. Wenn man sich diesem Album öffnet, kann es in 10 Jahren oder mehr als eines der krassestes aller Zeiten gelten. Jetzt ist es einfach ein unfassbar mutiges, gleichzeitig aber wahnsinnig starkes Album. Mir fällt es schwer irgendetwas komplett schlecht zu finden, damit man vielleicht ein wenig objektiver wirkt. Aber hey, Kanye ist mein Heiliger Gral. Es gibt 4,5 von 5 möglichen Punkten.

Sind wir nicht alle Sünder? Sind wir nicht alle Heilige? Wie auch immer, J. Cole ist ein geborener Sünder. Das soll sich dann auch auf das Album auswirken, “viel dunkler” sagt er selbst auf Villuminati, dem ersten Track des Albums. Ich finde nicht, dass es dunkler ist. Es ist ebenso tiefgründig und ehrlich wie es Cole Word war. Technisch und lyrisch macht ihm keiner so leicht etwas vor. Bei mir ist jedoch der Eindruck entstanden, dass Cole hier zielstrebiger zu Werke ging. Der Streit, den es damals um eine Single für die Radios der Welt drehte, verhinderte noch größeres für das Debüt. Er ist selbstsicherer geworden, vielleicht auch weil er mit Nas Frieden geschlossen hat. Zu hören auf Let Nas Down und der Antwort von Nas höchstpersönlich. Selbstsicherer aber auch in der Hinsicht, dass er auch hinter den Reglern zugelegt hat. Die Beats, die im Grunde alle von ihm selbst stammen, klingen reifer, feiner und voller. Großes Lob. Vielleicht hätte dem Album der ein oder andere Beat nicht geschadet, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Wenn ich gerade meckere, möchte ich mit anprangern, dass Cole seiner Drohung Taten folgen ließ und wirklich keine Features mit anderen Rappern auf das Album gepackt hat. Selbst Kendrick Lamar “singrapt” sich durch die Hook auf Forbidden Fruit. Der Track ist gut, man stelle sich aber nur vor, wenn Kendrick eine Strophe zum Thema Vergänglichkeit zum Besten gegeben hätte. Lassen wir das Träumen, Fakten sind interessanter. Fakt ist, dass Cole mit TLC wieder einen Act auf das Album brachte, der überraschte. Auf dem Debüt kam diese Ehre noch Missy Elliott zu Teil. Besagter Track mit TLC namens Crooked Smile gefällt mir mit am meisten. Die Message ist eindeutig und wirklich wahr. Es war außerdem nicht die typische Single, wie es vielleicht Power Trip mit dem aktuellen It-Singer Miguel war. Im Vergleich zu Yeezus lässt sich Born Sinner viel leichter anhören, da es einem nicht das Hirn wegbläst. Ganz im Gegenteil, die Chor-Einlagen, beispielsweise auf Trouble, geben dem Album einen feinen Touch. Auf der anderen Seite fehlen die großen Überraschungen, denn das Album bleibt weitestgehend homogen. Natürlich ist das keineswegs abwertend gemeint, dennoch hätten fremde Beats hier sicher für weitere Würze sorgen können. Vielleicht war die Konsequenz von Cole da ein wenig zu viel des Guten.

Das scheint zwar etwas enttäuscht zu klingen, aber ich bin dennoch zufrieden. Kanye überraschte uns, J. Cole lieferte das ab, was wir von ihm erwarten und an sich auch wollen. Er ist kein Superstar, er ist aber einer der großen Rapper der Jetztzeit. Sein zweites Album ist der klare Beweis dafür. Es ist übrigens schon verwunderlich, dass er noch so viel starkes Material auf das Album gepackt hat, nachdem mit den zwei Teilen von Truly Yours schon einige Perlen den Weg ins Netz fanden. Ich versuche zwar nicht krampfhaft Negatives zu finden, doch mein Ohr bleibt offen für Schwächen. Leider (oder auch nicht leider) kann ich hier keinen wirklichen Tiefpunkt finden, selbst die Interludes fügen sich klasse ein. Zu den herausragenden Titeln zählen Villuminati, Power Trip, Trouble, She Knows, Forbidden Fruit, Crooked Smile und Let Nas Down. Die restlichen Anspielstationen sind gut, doch eben ohne große Überraschung. Wie ich jedoch schon erwähnt habe, meckere ich auf hohem Niveau. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass J. Cole mit seinem Debüt den Grundstein für eine sichere und große Karriere legte und diesen mit Born Sinner weiter festigte. Im Vergleich vom Sünder gegenüber des “Yeezus” zieht ersterer jedoch den Kürzeren. Dennoch sind die 4,0 von 5 möglichen Punkte voller Liebe für das Werk von J. Cole. Allein deswegen, weil er mir ein schönes Booklet zum stöbern mit in die Hülle geliefert hat.

Was haltet ihr von den beiden Alben? Lasst es mich wissen. In der Hörbar gibt es wie gewohnt die Kurzreview.

PS: Ich möchte ebenso ein weiteres Album erwähnen, welches auch am 18.06. erschien. Das zweite Album von Mac Miller Watching Movies With The Sound Off ist meiner Meinung nach ein großer Sprung im Vergleich zum Debüt. Sehr angenehm zu hören. Das liegt einerseits an den Produktionen (Flying Lotus!) und den starken Gästen, andererseits auch an der gesteigerten Variabilität von Mac Miller. Gute Arbeit.

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